Wie wetterfest ist die Schweiz wirklich?
von belmedia Redaktion -schweizweit Allgemein Auto Elektromobilität Magazine Mobilität Motorrad nachrichtenticker.ch Natur & Naturereignisse Natur & Umwelt News Orte Regionen Schweiz Schweiz Städte Themen Unwetter Verbreitung Verkehr wetter24.ch Wetterbericht Wettereinsätze
Ein schweres Gewitter reicht aus, um zu zeigen, wie eng die moderne Schweiz miteinander vernetzt ist. Am Freitagmorgen zogen kräftige Gewitter mit Sturm, Starkregen und grossem Hagel über weite Teile der Nordschweiz. Rund 46’000 Blitze wurden registriert, lokal erreichten Hagelkörner einen Durchmesser von bis zu sechs Zentimetern. Strommasten knickten ein, Bahnstrecken wurden beeinträchtigt, Flüge gestrichen und Gebäude beschädigt. Das Ereignis wirft eine grundsätzliche Frage auf: Wie wetterfest ist die Schweiz tatsächlich?
Der 28. August 2026 wurde innerhalb weniger Stunden zu einem Belastungstest für ganz unterschiedliche Infrastrukturen. Besonders betroffen waren Teile der Kantone Solothurn, Aargau, Zürich und Schaffhausen. In Solothurn gingen bis zum Mittag rund 290 Schadensmeldungen ein. Ein grosser Teil davon betraf Wassereinbrüche sowie umgestürzte Bäume und andere Sturmschäden.
Auch Menschen wurden verletzt. In Winterthur mussten mehrere Personen nach Hagelschlag wegen Kopfverletzungen behandelt werden, darunter Kinder. Im Kanton Solothurn verletzte sich eine Person schwer, nachdem sie von einem umstürzenden Baum getroffen worden war.
Das Entscheidende an solchen Ereignissen ist jedoch nicht nur die unmittelbare Schadenbilanz. Innerhalb kurzer Zeit waren Stromversorgung, Eisenbahn, Strassenverkehr, Luftfahrt und Gebäude betroffen. Genau diese Gleichzeitigkeit macht schwere Gewitter zu einem besonderen Test für eine hochentwickelte und dicht vernetzte Infrastruktur.
Ein Freitagmorgen wird zum Stresstest
Meteorologisch war das Ereignis aussergewöhnlich kräftig. Mehrere Gewitter zogen entlang des Juras in Richtung Nordosten. Mit der stärksten Zelle entwickelte sich vom Seeland über den Aargau und das Zürcher Unterland bis in Richtung Bodensee eine ausgeprägte Hagelzone.
Lokal wurden Hagelkörner mit Durchmessern von bis zu sechs Zentimetern beobachtet. Solche Grössen sind in der Schweiz selten. Hinzu kamen heftige Böen und grosse Niederschlagsmengen innerhalb kurzer Zeit.
Die Folgen waren entsprechend vielfältig. Auf der A1 kippte im Raum Birrhard ein Lastwagen um. Mehrere Strommasten wurden beschädigt oder knickten ein. In Aarau wurden Teile eines Turnhallendachs abgedeckt. Bäume stürzten um, Autoscheiben gingen durch Hagelschlag zu Bruch und Wasser drang in zahlreiche Gebäude ein.
Besonders deutlich zeigte sich die Abhängigkeit moderner Infrastruktur im Aargau. Nach Angaben des Energieversorgers AEW kam es ab etwa 9.30 Uhr in 17 Gemeinden zu Stromunterbrüchen.
Gleichzeitig wurde der Bahnverkehr beeinträchtigt. Die Strecke Biel–Olten war zeitweise nur eingeschränkt beziehungsweise nicht befahrbar. Auch in der Westschweiz kam es auf einer Bahnlinie bei Nyon zu Auswirkungen.
Am Flughafen Zürich hatte das Gewitter ebenfalls erhebliche Konsequenzen. SWISS meldete bis zum frühen Nachmittag 27 gestrichene An- und Abflüge. Rund 3’100 Passagiere waren betroffen, bei weiteren Verbindungen wurden Verspätungen von bis zu drei Stunden erwartet.
Ein Ausfall bedeutet nicht automatisch schlechte Infrastruktur
Die Bilder beschädigter Stromleitungen oder stillstehender Züge lassen schnell den Eindruck entstehen, Infrastruktur sei nicht ausreichend vorbereitet. So einfach ist die Beurteilung jedoch nicht.
Ein System kann sehr widerstandsfähig sein und bei einem aussergewöhnlichen Ereignis trotzdem zeitweise ausfallen. Entscheidend ist, ob Risiken früh erkannt werden, Menschen geschützt werden und beschädigte Systeme möglichst rasch wieder funktionieren.
Das Beispiel des Flughafens Zürich zeigt dies deutlich. Dort führten Blitzeinschläge in der Umgebung dazu, dass Arbeiten auf dem Vorfeld zeitweise eingestellt wurden. Mitarbeitende müssen in einer solchen Situation Abstand zu Flugzeugen und anderen metallischen Einrichtungen halten.
Flugzeuge können während eines solchen sogenannten Handling-Stopps nicht normal beladen, entladen, betankt oder für den nächsten Flug vorbereitet werden. Der Stillstand ist damit nicht primär Ausdruck eines technischen Versagens, sondern eine Sicherheitsmassnahme. Die Konsequenz sind dennoch Verspätungen und Flugausfälle.
Ähnliches gilt für Bahnstrecken. Ein umgestürzter Baum, ein überflutetes Trassee oder ein beschädigtes Fahrleitungssystem kann dazu führen, dass ein Abschnitt vorsorglich gesperrt werden muss. Sicherheit hat Vorrang vor der Aufrechterhaltung des Fahrplans.
Das Stromnetz: robust, aber nicht unangreifbar
Die Stromversorgung gehört zu den kritischen Infrastrukturen der Schweiz. Das Netz ist stark vermascht und auf eine hohe Versorgungssicherheit ausgelegt. Trotzdem bleiben insbesondere lokale Verteilnetze gegenüber mechanischen Schäden empfindlich.
Sturm kann Bäume oder Äste in Leitungen drücken. Freileitungsmasten können beschädigt werden. Blitzschläge können Schutzsysteme auslösen. In solchen Fällen werden Netzabschnitte abgeschaltet, damit keine zusätzliche Gefahr für Menschen oder Anlagen entsteht.
Der Ausfall in mehreren Aargauer Gemeinden verdeutlichte am Freitag genau dieses Prinzip. Wenn mehrere Masten innerhalb eines relativ kleinen Gebiets beschädigt werden, kann ein lokaler Netzabschnitt trotz eines grundsätzlich stabilen Gesamtsystems ausfallen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb weniger, ob es bei einem extremen Wetterereignis überhaupt zu einer Störung kommt. Wesentlich ist vielmehr, wie gross der betroffene Bereich ist, ob alternative Einspeisungen möglich sind und wie schnell Reparaturmannschaften die Versorgung wiederherstellen können.
Mit dem Ausbau dezentraler Stromproduktion verändert sich diese Aufgabe zusätzlich. Photovoltaikanlagen, Batteriespeicher und lokale Energieverbünde können langfristig neue Möglichkeiten schaffen, erhöhen gleichzeitig aber auch die Anforderungen an Steuerung und Netzmanagement.
Bei der Bahn liegt ein Teil des Risikos in der Landschaft
Die Eisenbahn ist besonders stark mit ihrer Umgebung verbunden. Schienen können nicht einfach kurzfristig um ein Gefahrengebiet herumgeführt werden. Ein einziger blockierter Abschnitt kann Verbindungen über grosse Distanzen beeinflussen.
Die SBB beziffern den Teil ihres Netzes, der verschiedenen Naturgefahren ausgesetzt ist, auf rund 1’100 Kilometer. Schutzwald spielt dabei eine wichtige Rolle. Auf etwa 340 Kilometern Bahnstrecke wirken rund 8’700 Hektaren Wald als natürlicher Schutz gegen Lawinen, Steinschlag und weitere Gefahren.
Hinzu kommen nach Angaben der SBB ungefähr 5’400 Schutzbauten und Überwachungssysteme. Dazu gehören Schutzdämme, Steinschlagschutznetze, Felssicherungen, Lawinenverbauungen, Geschiebesammler und Alarmsysteme.
Im Durchschnitt investiert die SBB jährlich etwa 10 bis 15 Millionen Franken in den Schutz vor Naturgefahren und in den Unterhalt entsprechender Anlagen.
Dass solche Investitionen nicht nur im Hochgebirge notwendig sind, zeigt der aktuelle Ausbau im Berner Oberland. Zwischen Spiez und Interlaken werden im Raum Därligen Schutzanlagen erweitert. Mehrere Geschiebesammler sollen Nationalstrasse und BLS-Bahnlinie besser vor Hochwasser und Murgängen schützen. Einen konkreten Einblick in diese Arbeiten gibt der Bericht über die neuen Schutzbauten an der A8 bei Därligen.
Strassen sind ebenfalls Teil des Risikonetzes
Auch das Strassennetz ist Naturgefahren ausgesetzt. Besonders in den Alpen und Voralpen können Hochwasser, Murgänge, Steinschlag, Rutschungen, Lawinen und umgestürzte Bäume Verkehrsachsen unterbrechen.
Aber der Freitagmorgen zeigte, dass nicht nur klassische Bergstrecken gefährdet sind. Sturm und Hagel können auch Autobahnen im Mittelland beeinträchtigen. Bei extremen Böen werden hohe Fahrzeuge besonders anfällig. Starkregen reduziert Sicht und Haftung, Hagel kann Scheiben beschädigen und Wasser kann sich in Unterführungen oder Senken sammeln.
Die Herausforderung besteht darin, dass eine Nationalstrasse gleichzeitig Verkehrsader, Wirtschaftsachse und Teil der Versorgungskette ist. Bereits ein kurzer Unterbruch kann Umleitungsverkehr erzeugen und Auswirkungen weit über den eigentlichen Schadenort hinaus verursachen.
Deshalb wird bei wichtigen Verkehrsachsen zunehmend versucht, nicht nur einzelne Gefahrenstellen zu sichern, sondern ganze Korridore zu betrachten.
Die unterschätzte Gefahr kommt häufig nicht aus dem Fluss
Bei Überschwemmungen denken viele Menschen zuerst an einen Fluss, der über die Ufer tritt. Bei Starkregen entsteht ein grosser Teil der Schäden jedoch auf andere Weise.
Fällt innerhalb kurzer Zeit mehr Wasser, als Boden und Entwässerung aufnehmen können, fliesst es über die Oberfläche. Strassen, Parkplätze, Gärten und Zufahrten werden dann zu temporären Wasserwegen.
Das Bundesamt für Umwelt weist darauf hin, dass Naturgefahren seit den 1970er-Jahren bereits in vier von fünf Schweizer Gemeinden aufgetreten sind. Rund 20 bis 25 Prozent der Bauzonen befinden sich in Gefahrengebieten.
Noch bemerkenswerter ist eine andere Zahl: Rund zwei Drittel der Gebäude in der Schweiz sind gemäss BAFU potenziell von oberflächig abfliessendem Starkniederschlag betroffen.
Das bedeutet nicht, dass zwei Drittel aller Häuser bei einem starken Gewitter überflutet werden. Die Zahl zeigt vielmehr, wie weit verbreitet potenzielle Fliesswege sind.
Auch der Schweizerische Versicherungsverband weist auf die Bedeutung dieses Phänomens hin. Mehr als die Hälfte der Überschwemmungsschäden entstehen demnach nicht durch über die Ufer tretende Flüsse, Bäche oder Seen, sondern durch Oberflächenabfluss.
Damit wird Gebäudeschutz zu einem wichtigen Teil der nationalen Wetterfestigkeit.
Ein paar Zentimeter können über einen Keller entscheiden
Bei einem einzelnen Haus entscheidet häufig die unmittelbare Umgebung über die Schadenhöhe.
Eine Garagenrampe, die zur Strasse hin abfällt, kann wie ein Trichter funktionieren. Ein knapp über Bodenhöhe liegender Lichtschacht kann zum Eintrittspunkt werden. Ein Gartenweg oder ein befestigter Vorplatz kann Wasser direkt an eine Fassade führen.
Hinzu kommt das Risiko eines Rückstaus aus der Kanalisation. Wird das Entwässerungssystem bei Starkregen überlastet, kann Wasser auch über Leitungen in tiefer gelegene Räume gelangen.
Deshalb reicht es nicht, allein auf Sandsäcke oder mobile Barrieren zu setzen. Besonders wirksam sind dauerhaft vorhandene Lösungen: geeignete Geländegefälle, erhöhte Lichtschächte, geschützte Kellerfenster, gesicherte Garagenrampen und ein fachgerecht geplanter Rückstauschutz.
Welche Schwachstellen an einem Gebäude besonders häufig auftreten und weshalb bereits die Umgebungsgestaltung entscheidend sein kann, zeigt der ausführliche Beitrag über den Schutz von Häusern vor Starkregen und Oberflächenabfluss.
Die schweizweite Gefährdungskarte Oberflächenabfluss liefert dafür eine erste Orientierung. Anfang 2027 soll eine umfassend aktualisierte Version erscheinen. Neue Datengrundlagen und bessere Modellierungen sollen die Beurteilung weiter verbessern.
Die Schäden steigen – aber nicht nur wegen des Klimas
Dass Naturgefahren wirtschaftlich bedeutender werden, hat mehrere Ursachen.
Der Schweizerische Versicherungsverband hält fest, dass Gebäudeschäden durch Naturgefahren während der vergangenen Jahrzehnte deutlich zugenommen haben. Überschwemmungen, Hagel und Sturm gehören zu den Ereignissen mit besonders grossem wirtschaftlichem Schadenpotenzial.
Der Klimawandel ist dabei ein Faktor, aber nicht der einzige.
In der Schweiz entstehen laufend neue Gebäude und Infrastrukturen. Bereits bestehende Siedlungen werden verdichtet. Grundstücke werden stärker genutzt und Flächen versiegelt. Gleichzeitig steigt der Wert von Häusern, Fahrzeugen, technischen Anlagen und Einrichtungen.
Ein Gewitter, das vor Jahrzehnten über weitgehend unbebautes Gebiet zog, konnte deshalb wesentlich weniger wirtschaftlichen Schaden verursachen als ein vergleichbares Ereignis heute.
Das BAFU erwartet zudem, dass kurze und intensive Niederschlagsereignisse mit dem Klimawandel häufiger beziehungsweise intensiver werden können. Dadurch steigt insbesondere das Risiko lokaler Überschwemmungen und von Oberflächenabfluss.
Dabei ist eine saubere Unterscheidung wichtig: Ein einzelnes Gewitter lässt sich nicht allein aufgrund seiner Stärke dem Klimawandel zuschreiben. Aussagen über den Klimawandel beziehen sich auf langfristige Veränderungen von Wahrscheinlichkeit und Intensität bestimmter Wetter- und Naturgefahren.
Versicherungen können Schäden bezahlen – aber nicht verhindern
Die Schweiz verfügt im internationalen Vergleich über eine breite Absicherung gegen Elementarschäden. Nach Angaben des Schweizerischen Versicherungsverbands sind mehr als 95 Prozent der Gebäude und Fahrhabe gegen Elementarschäden versichert.
Zu den gedeckten Naturgefahren gehören unter anderem Hochwasser, Überschwemmung, Sturm, Hagel, Lawinen, Schneedruck, Felssturz, Steinschlag und Erdrutsch.
Das System verhindert jedoch keinen Schaden. Je grösser die versicherten Werte und je häufiger hohe Schäden auftreten, desto wichtiger wird Prävention.
Beim Tag der Versicherer in St. Gallen wurde deshalb 2026 ausdrücklich darüber diskutiert, wie Risiken auch in Zukunft tragbar und versicherbar bleiben können. Der Bericht über Prävention, Resilienz und die langfristige Versicherbarkeit von Risiken zeigt, dass Versicherungen allein nicht als Ersatz für Schutzmassnahmen verstanden werden können.
Das Prinzip ist wirtschaftlich nachvollziehbar: Ein Schaden, der durch eine vergleichsweise günstige bauliche oder organisatorische Massnahme verhindert werden kann, muss später weder repariert noch versichert ausgeglichen werden.
Wetterfest bedeutet nicht unverwundbar
Eine vollkommen ausfallsichere Infrastruktur gibt es nicht. Sie wäre technisch kaum erreichbar und wirtschaftlich nicht finanzierbar.
Die eigentliche Widerstandsfähigkeit eines Landes zeigt sich deshalb nicht daran, dass bei einem schweren Gewitter niemals ein Baum auf ein Gleis fällt, kein Strommast beschädigt wird und kein Flug ausfällt.
Sie zeigt sich darin, wie gut Risiken bekannt sind, wie schnell Warnungen funktionieren, ob gefährdete Anlagen geschützt werden und wie rasch Systeme nach einem Ereignis wieder in Betrieb genommen werden können.
Die Schweiz besitzt dafür umfangreiche Gefahrenkarten, Schutzbauten, Warnsysteme, Versicherungen und spezialisierte Fachstellen. Gleichzeitig wächst die Aufgabe weiter.
Mehr Siedlungsfläche, höhere Sachwerte und eine zunehmend komplexe Infrastruktur erhöhen das mögliche Schadensausmass. Gleichzeitig verändern sich durch das Klima bestimmte Naturgefahren.
Der Gewittermorgen vom 28. August ist deshalb keine Geschichte über eine Schweiz, die dem Wetter hilflos ausgeliefert wäre.
Er ist vielmehr eine Erinnerung daran, wie viele Systeme im Alltag selbstverständlich funktionieren – und wie schnell sichtbar wird, wo ihre Grenzen liegen, wenn Hagel, Sturm, Starkregen und Blitze gleichzeitig auftreten.
Wetterfestigkeit bedeutet am Ende nicht, jedes Naturereignis verhindern zu können. Sie bedeutet, vorbereitet zu sein, Schäden möglichst klein zu halten und nach einem Ereignis schnell wieder handlungsfähig zu werden.
Genau daran wird sich die Widerstandsfähigkeit der Schweizer Infrastruktur in Zukunft messen lassen.
Quelle: belmedia-Redaktion
Bildquelle: Titelbild-KI-Bild